Fast jedes zweite Unternehmen hält Männer für bessere IT-Profis – und niemand gibt es offen zu

In fast allen meinen Jobs als Webentwicklerin war ich die einzige Frau im Team. Das war selten dramatisch. Es gab keine großen Konflikte, keine offenen Beleidigungen. Und trotzdem gab es Momente, die mich noch heute beschäftigen.

Einer davon: In einem meiner Jobs gab es irgendwann einen Konflikt – die halbe Web-Abteilung verließ das Unternehmen oder wurde rausgeworfen, ich weiß es bis heute nicht genau. Was danach passierte, hat mich mehr getroffen als der Konflikt selbst. Die lautesten Männer setzten sich mit einem leitenden Kollegen zusammen und beschlossen, dass wir statt PHP jetzt NestJS nutzen würden. Ohne Absprache mit den restlichen Entwicklerinnen. Ohne Meeting. Einfach so.

Ich war PHP-Profi. Ich musste eine neue Technologie lernen, weil Kollegen auf der gleichen Hierarchieebene das hinter meinem Rücken entschieden hatten. Nicht weil ich nicht qualifiziert genug war. Sondern weil ich nicht im Raum war. Oder besser: weil ich nicht der Typ war, der sich in solche Räume einfach reindrängt.

Das ist kein Drama. Das ist Alltag.

Die Studie, die bestätigt was viele schon ahnen

Der Branchenverband Bitkom hat Anfang 2026 mehr als 600 Führungskräfte und Personalverantwortliche befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: 43 Prozent der Befragten halten Männer für besser geeignet für IT- und Techberufe als Frauen. Fast jedes zweite Unternehmen. Und das sagen nicht irgendwelche anonymen Internetkommentare – das sagen die Menschen, die Einstellungsentscheidungen treffen.

Interessant dabei: 44 Prozent der männlichen Befragten stimmen dieser Aussage zu – aber auch 39 Prozent der weiblichen. Das Vorurteil sitzt also nicht nur bei den Männern im Raum.

In keiner einzigen IT-Abteilung der befragten Unternehmen arbeiten derzeit mehr Frauen als Männer. Nur 9 Prozent berichten von einem annähernd ausgeglichenen Verhältnis. 67 Prozent der Befragten sehen Deutschland beim Thema Gleichstellung in der IT unter den weltweiten Nachzüglern.

Und gleichzeitig: 78 Prozent sagen, die Wirtschaft verspielt ihre Zukunft ohne Frauen. 90 Prozent loben gemischte Teams für das bessere Betriebsklima. Fast alle wissen, was richtig wäre.

Trotzdem passiert es nicht.

Warum "ich bin doch kein Sexist" das Problem nicht löst

Hier liegt das eigentliche Problem. Kaum eine Führungskraft würde offen sagen: "Ich traue Frauen weniger zu." Das klingt diskriminierend – und das will niemand über sich denken.

Aber die Studie fragt ja nicht nach bewusstem Sexismus. Sie fragt nach Einstellungen. Und Einstellungen steuern Entscheidungen, auch wenn wir das nicht merken. Wer bekommt den schwierigen Auftrag, bei dem man sich profilieren kann? Wessen Vorschlag wird im Meeting ernst genommen? Wer wird gefragt, wenn es darum geht, eine Technologie-Entscheidung zu treffen?

Wenn du dich in diesen Fragen wiederfindest – wenn du das Gefühl hast, dass deine Ideen erst dann ankommen, wenn ein männlicher Kollege sie wiederholt – dann liegst du wahrscheinlich nicht falsch. Das ist kein Einbilden. Das ist Struktur.

Die Bitkom-Studie nennt auch konkrete Hürden: 50 Prozent der Befragten sehen den Wiedereinstieg nach Eltern- oder Betreuungszeit als Hauptproblem. 39 Prozent benennen eine gläserne Decke trotz gleicher Qualifikation. Und in nur 37 Prozent der Unternehmen gibt es überhaupt eine Gleichstellungsbeauftragte.

Was du damit machen kannst

Ich schreibe diesen Artikel für dich und für mich – weil ich will, dass wir aufhören, uns die Schuld zu geben wenn wir übergangen werden. Gleichzeitig glaube ich nicht daran, einfach abzuwarten bis sich das von selbst ändert. Das hat in den letzten Jahrzehnten nicht funktioniert.

Sichtbarkeit schaffen. Bewirb dich auf Vortragsslots bei Fachkonferenzen. Nicht weil du perfekt vorbereitet sein musst – sondern weil Frauen in Tech sichtbar sein müssen, damit sich das Bild in den Köpfen verändert. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Der erste Vortrag fühlt sich unmöglich an. Der zweite schon weniger.

Räume aufbauen, in denen wir uns gegenseitig nach vorne schieben. Mentoring-Programme, Communities, Netzwerke – klingt nach Buzzwords, ist aber der schnellste Weg um Wissen und Türen weiterzugeben. Wenn du keine Community findest die passt: Gründ eine. GeekLady ist genauso entstanden.

Politisch Position beziehen. Frauenförderung wird laut Bitkom in 35 Prozent der Unternehmen von Teilen der männlichen Belegschaft als "ungerecht" empfunden. Das ist kein Argument gegen Frauenförderung – das ist ein Argument dafür, lauter darüber zu reden warum sie nötig ist.

Und wenn gar nichts geht: eigene Strukturen schaffen. Eine eigene Firma, ein eigenes Projekt, ein eigener Kanal. Nicht als Rückzug, sondern als Bühne.

Du musst das nicht alleine tragen. Aber du kannst aufhören zu warten, dass jemand anderes den Tisch deckt – und anfangen, deinen Platz einzufordern. Auch wenn du dafür manchmal lauter sein musst als du eigentlich bist.

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